Ersti-Heft 2012/2013: Wozu Jura studieren?

„Ich studierte also Jus. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von Tausenden Mäulern vorgekaut war“.

Seit Franz Kafka dies erbittert ausrief, sind einige Jahre ins Land gegangen und viele Jurist_innen haben ihm seitdem nachgefühlt. Ihr, liebe Leser_innen, werdet auch bald feststellen, dass Rechtswissenschaft nicht selten von gähnender Langweile geprägt ist. Neben viel Fleiß und einem guten Gedächtnis wird häufig nur die mehr oder weniger präzise Wiedergabe der sogenannten herrschenden Meinung euer juristisches Fortkommen sichern. Möglichkeit zum selbstständigen Denken wird dabei leider nur selten gegeben.

Dennoch habt ihr mit Rechtswissenschaft auch ein Studium gewählt, das hinter all den vorgegebenen Strukturen und der häufig aufgesetzt erscheinenden Eindeutigkeit der Gesetze interessant, weil politisch ist. Wenn etwa Gerichte Interessenkonflikte schlichten, reichen die bloße Anwendung des Gesetzes oder die Aufklärung des Sachverhaltes dafür meist nicht aus. Es müssen dann Interessen bewertet, abgewogen und möglicherweise ein Ausgleich zwischen diesen widerstreitenden Interessen gefunden werden. Woher aber nehmen die Richter_innen dabei ihre Wertungen? Folgen sie lediglich dem Zeitgeist, oder bilden sie sich ihr eigenes Urteil? Und wenn ja, wessen Interessen werden gestärkt, wessen werden vernachlässigt?

Mit diesem Heft wollen wir für euch einen kurzen, kritischen Blick auf verschiedene Rechtsgebiete werfen und euch damit für Einwände, Widersprüche und Nachfragen im Jurastudium sensibilisieren und ermutigen. Denn ihr seid nun Teil des juristischen Diskurses, und der ist für das Klima unserer Gesellschaft nicht unbedeutend! Widerspruch ist dabei nicht nur eine Bereicherung oder Verzierung. Er ist vielmehr die Voraussetzung für einen Meinungspluralismus, ohne den das Recht niemals im Sinne emanzipatorischer Bewegungen genutzt werden könnte und ohne den eine demokratische Ordnung zu einer leeren Hülse verkommen müsste.

Also, schaut euch um, macht euch Gedanken, diskutiert mit anderen!

Wenn Ihr euch von unserem Heft angesprochen fühlt, dann empfehlen wir euch auch einfach mal bei der Gruppe Kritischer Jurist_innen an Eurer Uni vorbeizuschauen. Sollte es die an Eurer Uni noch nicht geben, unterstützen wir auch gerne Eure Gründungsinitiative! Unter www.forum-recht-online.de und www.bakj.de sind wir für Euch da.

Wie wünschen Euch viel Spaß bei der Lektüre!

Eure Redaktion

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