Das Deutsche Architektur Museum in Frankfurt am Main (DAM) und das Museum Angewandte Kunst in Wien (MAK) haben ihre Aufmerksamkeit im Rahmen einer gemeinsamen Ausstellung der Protestarchitektur gewidmet.
Die Ausstellung „PROTEST / ARCHITEKTUR – BARRIKADEN, CAMPS, SEKUNDENKLEBER“ war vom 16. September 2023 bis zum 14. Januar 2024 im Deutschen Architektur Museum (DAM) in Frankfurt am Main zu sehen. Begleitend zur Ausstellung erschien das im Stile eines Lexikons gehaltene Buch „Protestarchitektur – Barrikaden, Camps, raumgreifende Taktiken 1830-2023“. Thema von Ausstellung und Buch ist, wie der Name schon sagt, die Protestarchitektur. Der Frage, was Protestarchitektur ist, und warum sie relevant ist, widmet sich bereits das Cover des Buches: „Proteste müssen stören, sonst wären sie wirkungslos. Wenn Protestbewegungen in den > öffentlichen Raum ausgreifen und sich dort festsetzen, wenn sie ihn blockieren, schützen oder erobern, dann entsteht > Protestarchitektur. (…)“ Es sei das erste Mal, dass verschiedene Proteste aus räumlicher und baulicher Perspektive verglichen würden.
Das Buch eignet sich hervorragend zum Schmökern und Hindurchblättern. Früher oder später bleibt der eigene Blick dabei wohl zwangsläufig an einem der 176 Lexikoneinträge oder einer der insgesamt 314 Abbildungen hängen. Mit 230 farbigen Abbildungen ist dabei mehr als die Hälfte der abgedruckten Bilder und Skizzen bunt. Die einzelnen, über viele Schlagwörter aufeinander verweisenden Einträge sind jeweils sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache zu finden. Was zunächst überfordernd klingt, ist erstaunlich übersichtlich und leicht zugänglich umgesetzt.
Die 176 Lexikoneinträge umfassen neben vielen kürzeren Einträgen auch 13 diverse und ausführliche Fallstudien: Diese reichen vom 3000 Menschen umfassenden Protestcamp Resurrection City, Washington DC (USA, 1968); über die Republik Freies Wendland, Gorleben (Deutschland, 1980); Hüttendorf Startbahn West, Frankfurt am Main (Deutschland, 1980); Movimiento 15-M / Indignados-Bewegung, Puerta del Sol, Madrid (Spanien, 2011); Occupy Wall Street, Zuccotti Park, New York (USA, 2011); Tahrir Square, Revolution des 25. Januar / Arabischer Frühling, Kairo (Ägypten, 2011); Euromaidan, Kiew (Ukraine, 2013); Hongkong-Proteste, Hongkong (China, 2014, 2019); MTST, São Paulo (Brasilien, 2017); Hambacher Forst (Deutschland, 2018); Farmers-Proteste, Delhi (Indien, 2020); Lobau, Wien (Österreich, 2021); bis hin zu Lützerath (Deutschland, 2022).
Auch die kürzeren Beiträge sind absolut lesenswert: Worin unterscheiden sich → Bauplatzbesetzungen, von → Hausbesetzungen und → Platzbesetzungen? Was ist eigentlich ein → Tripod, was ein → Monopod? Was haben → Tunnel mit Protestarchitektur zu tun? Wann und wo begann die Geschichte des herausgerissenen → Pflastersteins als Symbol des politischen Aufstands? Und welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gab es bezüglich der Verwendung von → Ziegelsteinen 2019 in Hongkong? Welche Rolle können Alltagsgegenstände wie → Mülltonne, → Kochtopf, → Badewanne oder → Spiegel spielen? Und da es sich schließlich um ein Buch über Protestarchitektur handelt: Welche → Bautypen gibt es eigentlich? Und welche → Baumaterialien kommen typischerweise zum Einsatz?
Vom 14. Februar bis zum 25. August 2024 ist die Ausstellung „PROTEST / ARCHITEKTUR – BARRIKADEN, CAMPS, SEKUNDENKLEBER“ im Museum Angewandte Kunst (MAK) in Wien zu sehen. Ein Besuch in der Ausstellung lohnt sich sicherlich. Unabhängig davon sei auch all jenen, die leider nicht die Chance haben, sich die Ausstellung anzusehen, das die Ausstellung begleitende Buch ans Herz gelegt. Durch das etwas unkonventionelle Format als Lexikon samt umfassenderer Fallstudien ist es sowohl zum ausdauernderen Schmökern, als auch als Nachschlagewerk etwa in einer Bibliothek oder einem lokalen Infoladen, oder zum kurzweiligen Stöbern in einem Wartebereich oder auch in der eigenen WG-Küche bestens geeignet.
Oliver Elser, Anna-Maria Mayerhofer, Sebastian Hackenschmidt, Peter Cachola Schmal, Jennifer Dyck, Lilli Hollein (Hrsg.)
Protestarchitektur
Barrikaden, Camps, raumgreifende Taktiken 1830-2023
1. Auflage 2023
528 Seiten
ISBN 978-3-03860-334-4