Roller Derby ist ein Sport, der nicht nur die Geschlechtskategorien „männlich“ und „weiblich“ kennt, sondern in seinem Regelwerk die geschlechtliche Diversität berücksichtigt. Damit kann es als Vorbild für Regeln im Sport dienen, die allen Geschlechtern einen Zugang gewähren.
Viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sind für inter*, nichtbinäre, trans* und agender Personen (INTA*) nicht oder nur sehr eingeschränkt zugänglich. Unsere Gesellschaft ist nicht nur heteronormativ aufgebaut, sondern vor allem auch binär. Dies führt für Personen, die nicht Teil eines binären Geschlechtersystems sind, immer wieder dazu, dass sie nicht bedacht, ausgegrenzt und benachteiligt werden. Der Zugang zu Sport und Sport an sich bilden hier keine Ausnahme. Ob es sich nun um Teamsport handelt (auch wenn es in gewissen Altersgruppen zumindest in einigen Bereichen gemischtgeschlechtliche Teams gibt), oder um die generellen Kategorien, in die Sportler*innen sich für Wettkämpfe einordnen müssen, in der Regel „männlich“ und „weiblich: Diese Einteilung führt zu erschwerten bis nicht vorhandenen Zugangsmöglichkeiten. Es gibt Sportarten, bei denen es (noch) keine Regeln zur Geschlechtsaufteilung gibt. Hier hängen Zugänge und Teilhabe dann von persönlichem Engagement und Ressourcen der betroffenen Person sowie dem Wohlwollen der Entscheidenden ab. In Bezug auf die Zugänge für gendernonconforming Personen ist dies weder barrierearm noch einladend.
Rollen gegen das Patriachat
Eine Ausnahme davon bildet der ursprünglich aus den USA stammende Sport Roller Derby. In den Anfängen fuhren Zweierteams auf Rollschuhen auf einer Rundbahn, das Team, welches am längsten und weitesten fuhr, hatte gewonnen. Roller Derby ist heute Vollkontaktsport, also eine Sportart, bei der zum Sport der volle Körperkontakt gehört und nicht durch die Regeln sanktioniert wird, auf Rollschuhen. Der Sport fand in seiner heutigen Form ab Mitte der 2000er Jahre seinen Weg nach Europa, ist also noch relativ jung. Es treten jeweils zwei Teams auf Rollschuhen in einer etwa 27m mal 17m großen, abgesteckten, ovalen, flachen Bahn, dem Track, gegeneinander an. Pro Spielzug sind je Team fünf Personen auf dem Track. Eine Person je Team trägt eine Haube mit Stern auf dem Helm, diese Person ist der*die Jammer*in, und nur diese Person kann Punkte für das eigene Team sammeln. Die übrigen vier Menschen je Team versuchen zum einen, der eigenen jammenden Person den Weg freizumachen, und zum anderen, die gegnerische jammende Person davon abzuhalten, auf dem Track voranzukommen. Hierfür darf mit bestimmten Teilen des Körpers, vorrangig Oberarmen, Oberschenkeln und Hüfte, geblockt und geschubst werden. Verlässt eine Person den Track, so muss sie sich hinter den übrigen Spieler*innen einordnen. Für jede passierte Hüfte des gegnerischen Teams erhält die jammende Person einen Punkt, die jammende Person kann während eines Spielzugs das gegnerische Team beliebig oft überholen. Ein solcher Spielzug dauert maximal zwei Minuten, nach dieser Zeit wird der Spielzug abgepfiffen. Die führende jammende Person kann durch Handzeichen den Spielzug auch vorher beenden, was mitunter aus taktischen Gründen geschieht. Nach beendetem Spielzug werden die Personen auf dem Track von anderen Teammitgliedern abgelöst. Einen weiteren guten Eindruck kann sicherlich auch der Film Roller Girl mit Elliot Page in der Hauptrolle vermitteln.
Rollen für den Feminismus
Roller Derby ist in Deutschland grundlegend durch den Verband Roller Derby Deutschland (RDD) organisiert und geregelt: Der RDD als Dachverband gibt hauptsächlich das Regelwerk vor. Gleichzeitig ist es ein Sport, der sich durch einen hohen Grad an Selbstorganisation auszeichnet. Sowohl die Spiele als auch die Trainings werden durch die Teams organisiert und ausgerichtet. Die Officials, die für die Einhaltung der Regeln während den Spielen zuständig sind, gehören ebenfalls Teams an. Es gibt auch eine Bundesliga, die meisten Spiele finden aber abseits dieser statt. Um Hallen zu Spiel- und Trainingszwecken nutzen zu können und einen Versicherungsschutz zu haben, sind die meisten Teams in Deutschland an örtliche Sportvereine angegliedert. In Deutschland war Roller Derby von Anfang an von einem feministischen und politischen Anspruch geprägt, dieser besteht bis heute. So finden bei Spielen beispielsweise vor und während den Spielen Solidaritätsbekundungen für feministische Kämpfe statt, es werden von den einzelnen Teams Spendenaktionen organisiert etc. Bei der Moderation, die während der Wettkämpfe stattfindet und den Spielverlauf und die Regeln für die Anwesenden erklärt, wird auf gendergerechte Sprache geachtet. In den Wettkampfhallen werden häufig Trans* Pride Flags und andere emanzipatorische Banner aufgehängt. Sowohl die Teamnamen als auch die Namen der Spielenden zeigen auf, dass man sich nicht so ernst nimmt. So gibt es zum Beispiel die Splatter Fairies Marburg, die Munich Rolling Rebels oder Starlight Excess Berlin als Teamnamen. Bei den selbstgewählten Namen der Spieler*innen handelt es sich häufig um an bestehende Namen angelehnte, aber martialisch brutal klingende Persiflagen dieser. Auch die Nummern sind freigewählt, wobei Zahlen wie 161 und 1312 zu den beliebtesten gehören.
Regeln für geschlechtliche Diversität
In seiner jetzigen Form wurde Roller Derby von Anfang an von Frauen dominiert, viele Teams bestanden nur aus Spielerinnen und es gab nur wenige Männerteams. Dies hat sich, auch durch den feministischen Anspruch und durch ein Anerkennen der Realität, dass es eben nicht nur (cis) Männer und Frauen gibt, geändert. So spielten in den Teams nicht nur Frauen, sondern eben auch INTA* Personen mit. Dieser Realität wird in Deutschland seit einer Entscheidung des RDD aus dem Jahr 2022 inzwischen auch offiziell Rechnung getragen. Es wurden die zwei Wettkampfklassen „Frauen, Lesben, inter*, nichtbinäre, trans* und agender Personen (FLINTA*)“, sowie „all-gender“ geschaffen. In Letzterer dürfen sogar cis Männer antreten.
Der RDD stellt in seinem Regelwerk klar, dass für die Zuordnung in die Klasse die Identität der jeweiligen Person entscheidend ist, und dass medizinische Kriterien hierbei keine Berücksichtigung finden. Diese Regelungen bedeuten faktisch einen leichteren Zugang zu diesem Teamsport für INTA* Personen. Sie müssen sich nicht im Vorfeld mit Zugangsmöglichkeiten auseinandersetzen, müssen nicht abklären, ob es Ausnahmeregelungen für sie gibt, und sie müssen bei ggf. anstehender medizinischer Transition nicht ihr Team wechseln. Und sie sind sichtbar, mitgedacht und gemeint, ohne dass sie sich dafür aktiv einsetzen müssen. Sie sind von vornherein benannter und selbstverständlicher Teil der deutlich größeren FLINTA*-Wettkampfklasse. Da INTA* Personen oft nicht Mal mitgemeint oder mitgedacht werden, ist es ein Fortschritt, wenn sie explizit benannt und damit sichtbar gemacht werden. Das Regelwerk des RDD ist in geschlechtersensibler Sprache verfasst. Durch den hohen Grad der Selbstorganisation sind die Teams untereinander oft freundschaftlich vernetzt. Insgesamt herrscht ein hohes Maß an Awareness insbesondere gegenüber INTA* Personen und ein Grundverständnis, dass sie dazugehören. Damit sind sowohl Theorie als auch Praxis des Umgangs mit geschlechtlicher Vielfalt im Roller Derby ein Vorbild für andere (Team-)Sportarten. Menschen, die Lust auf einen spannenden Vollkontaktsport und Glitzer, Leomuster, Deutschpunk sowie intersektionalen Feminismus haben, sei Roller Derby also wärmstens empfohlen.
Glossar
cis – Adjektiv, das individuelle Geschlecht stimmt mit dem bei Geburt zugewiesenem Geschlecht überein
trans* – Adjektiv, das individuelle Geschlecht stimmt nicht mit dem bei Geburt zugewiesenem Geschlecht überein, unabhängig vom rechtlichen Personenstand, sowie begonnenem/durchlaufenem TSG und sozialen und/oder medizinischen Transitionen. Das Asterisk soll verdeutlichen, dass trans* sich sowohl auf das Geschlecht, als auch die Identität beziehen kann
nichtbinär – Adjektiv, hierunter werden alle Geschlechter erfasst, die weder männlich noch weiblich sind, gleichzeitig kann es eine Geschlechtsangabe sein
agender – Adjektiv, die Person hat kein Geschlecht
inter* – Das körperliche Geschlecht lässt sich nicht der medizinischen Norm von entweder „männlich“ oder „weiblich“ zuordnen
endo – Das körperliche Geschlecht lässt sich der medizinischen Norm von entweder „männlich“ oder „weiblich“ zuordnen
gendernonconforming – Personen, deren Auftreten nicht den gesellschaftlich erwarteten Normen in Bezug auf Geschlecht weder beim Aussehen, noch beim Verhalten entspricht bzw. die diesen nicht entsprechen wollen
Awareness – Bewusstsein über Diskriminierungserfahrungen in aktiver Positionierung, um diesen entgegenzuwirken und sie abzubauen
Weiterführende Informationen:
- Roller Derby Deutschland, https://rollerderbygermany.de/.
- Roller Derby – Rempeln auf Rollschuhen, WDR v. 05.03.2022, https://kinder.wdr.de/tv/neuneinhalb/av/video-roller-derby–rempeln-auf-rollschuhen-100.html