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Judenhass Underground

Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen

Von Isabelle Schmitt

Kritisch, aber konstruktiv ist der Anspruch, den die Herausgebenden des Sammelbandes „Judenhass Underground. Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen“ eingangs formulieren. In dem 2023 von Nicholas Potter und Stefan Lauer herausgegebenen Buch im Hentrich & Hentrich Verlag geht es um eine kritische Selbstreflektion von Antisemitismus in den eigenen Reihen, um Diskussionsanstöße und darum, zu verstehen, warum Antisemitismus dort historisch und aktuell „boomt“.

Der Band besteht aus einer theoretischen Hinführung, konkreten Analysen von Praxisbeispielen und einem Abschluss in Form von Dialogen mit Akteur*innen aus den jeweiligen Subkulturen und Bewegungen. Die Ausgangsthese einer Renaissance von Antisemitismus in der Linken mit der Ausbreitung postkolonialer und queerfeministischer Diskurse in Wissenschaft und Gesellschaft bildet dabei einen roten Faden.

„Antisemitismus vereint“ (S. 9) – Queers mit Islamisten, Verschwörungsprediger mit Antirassist*innen – stellen die Herausgeber im Intro fest. Begründet liegt dies im modernen Antisemitismus, wie er von der bürgerlichen Gesellschaft hervorgebracht wurde. Der Kampf der Subjekte mit den Widersprüchen der Moderne wird im Antisemitismus auf Jüdinnen*Juden projiziert. Sie stehen in dieser gesellschaftlich tief verankerten Ideologie für das übermächtige Böse, die Weltverschwörung. In einem antisemitischen Weltbild bietet nur die Vernichtung Erlösung von dieser Bedrohung. Darin liegt ein grundlegender Unterschied zum Rassismus, welcher Menschen als minderwertig definiert, auch, um ihre (Über-)Ausbeutung zu legitimieren. So erklärt sich, warum in einer oberflächlichen antiimperialistischen Logik, die auf einem dichotomen Weltbild von Unterdrücker*innen und Unterdrückten beruht, Rassismus erkannt und reflektiert werden kann, während dies bei Antisemitismus selten der Fall ist.

Eine historische Auseinandersetzung mit der Linken und ihrem Verhältnis zu Israel und Antisemitismus in der BRD ab 1967 zeichnet Jan Riebe nach. Der Kampf gegen Kolonialismus wird zu dieser Zeit zur neuen revolutionären Hoffnung der Linken, auch unter dem Einfluss der Schriften von Frantz Fanon oder Jean-Paul Sartre, die Rassismus und (Neo-)Kolonialismus in den Fokus linker Theoriebildung setzen. Mit dem antisemitischen Bild von Jüdinnen*Juden als global agierender Elite führt die antiimperialistischen Logik zur Identifizierung von Israel mit Imperialismus. Der israelbezogene Antisemitismus der RAF und antisemitische Anschläge wie jener der Roten Zellen sind ein Resultat davon. Innerlinke Debatten darum gibt es schon seit den 1990er Jahren und auch, wenn linker Antisemitismus in der Folge zurück gegangen ist, bestehen diese Argumentationsmuster fort und sind bis in die bürgerlichen Teile der deutschen Gesellschaft verbreitet.

Ein aktuell sehr einflussreiches Phänomen, die BDS-Gruppen (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen), beschreibt Stefan Lauer. Diese international organisierten Akteur*innen zielen auf kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Boykott Israels und sind insbesondere in linken Strukturen präsent. Auch wenn sich die 2005 offiziell gegründete Kampagne einen harmlosen Anstrich gibt, indem sie sich als „friedlicher Widerstand“ bezeichnet, machen Aussagen der Führungsebene und der Gründungsmitglieder deutlich, dass das Ziel die „Beendigung des jüdischen Staates“ (S.46) ist. Das ist kaum verwunderlich, schließlich sind unter den „zivilgesellschaftlichen Organisationen“, die sich von Beginn an beteiligen, auch antisemitische Terrororganisationen wie die Hamas und der Islamische Jihad. In dem Abschnitt des Sammelbandes zur Praxis wird deutlich, wie sehr sich der Einfluss des BDS durch die verschiedenen Bewegungen zieht und wie anschlussfähig er sowohl an bürgerliche als auch an linke bis linksradikale Akteur*innen ist.

Einige dieser Gruppen machten in den Ereignissen nach dem Massaker der Hamas in Israel am 07.10.2023 allerdings keinen Hehl aus ihrem Hass auf Jüdinnen*Juden. Darunter Samidoun, die zur Feier der Morde und Vergewaltigungen in Berlin Süßigkeiten verteilten, oder Young Struggle, die jene als Befreiungsschlag feierten. Diese Verbrüderung mit antisemitischen und misogynen Hamas-Terroristen ist nicht neu, wie Anastasia Tikhomirova in ihrem Beitrag nachzeichnet. Eine zentrale Strategie von diesen Gruppen, zu denen u.a. „Palästina Spricht“ und „Klasse gegen Klasse“ gehören, ist das Unterwandern von Organisationszusammenhängen. Dies lässt sich schon seit Langem beobachten, so bei der 1. Mai Demo in Berlin, dem Gedenken an Hanau oder im Kontext feministischer Proteste.

Anastasia Tikhomirova betont, dass auch eine linke, progressive Lesart von Zionismus existiert, in der Israel als Fluchtort für Jüdinnen*Juden und Teil jüdischer Selbstbestimmung erkannt und nach gemeinschaftlichem Leben mit Palästinenser*innen gestrebt wird. Dieser sozialistische Zionismus wird beispielsweise von der Jugendgruppe Hashomer Hazair vertreten oder wurde von dem Internationalisten Albert Memmi stark gemacht. Darin kann eine israelsolidarische Haltung durchaus verbunden werden mit Kritik an dem Handeln der rechten Regierung unter Netanjahu, an rassistischen Strukturen in der israelischen Gesellschaft oder an Polizeigewalt. Hier liegt eine Stärke des Sammelbandes: neben starken Kritikpunkten wird auch insbesondere auf progressive Tendenzen Bezug genommen.

So verfasst Merle Stöver einen Ruf nach einem intersektionalen Feminismus, der Jüdinnen*Juden nicht ausblendet oder Antisemitismus reproduziert. Denn in einer queerfeministisch dominierten Szene, deren Vorbilder und theoretischen Bezugspunkte wie Judith Butler sehr oft antizionistisch geprägt sind, wird Israel häufig als „weißer Kolonialstaat und vermeintlicher Fremdkörper“ (S.139) dämonisiert, werden immer wieder antisemitische Verschwörungsmythen verbreitet, wie die der jüdischen Strippenzieher hinter dem kolonialen Sklavenhandel, und die antisemitische Terroristin Leila Khaled als Idol gefeiert. Jüdinnen*Juden werden in diesem Zusammenhang nur akzeptiert, wenn sie sich antizionistisch positionieren.

Im Kapitel zu den Subkulturen von Clubkultur über Hiphop und Rap bis zum Punk stellen die Autor*innen des Bandes zum einen die historischen Entwicklungen vor, die Antisemitismus teilweise schon zu ihren Anfängen präsent zeigen – von simplifizierter „die-da-oben“- Kapitalismuskritik bis zu tradierten antisemitischen Verschwörungsmythen über „die Rothschilds“ und eine „New World Order“. Zum anderen wird aber auch der aktuell starke Einfluss von BDS deutlich und die erfolgreiche Mobilisierung durch Künstler*innen über verkürzte Darstellungen auf Social Media.

„Versöhnungsversuche“ nennt Nicolas Potter den Ansatz, die eigentlich emanzipatorischen Selbstverständnisse vieler Subkulturen und den Rückbezug darauf in einseitigen antiimperialistischen Logiken, in denen Israel für das Böse steht, konstruktiv zu kritisieren. Er hebt Versuche hervor, antisemitismuskritische Perspektiven und jene von Jüdinnen*Juden darin Raum zu geben. Dazu gehört der inzwischen geschlossene Tel Aviver Club „The Block“, dessen Konzept Verständigung und Begegnung über Musik zwischen arabischen und jüdischen Gästen und Zusammenarbeit mit arabischen Clubs war, aber auch Dialogangebote und Diskussionsveranstaltungen des Berliner Clubs ://about blank.

Den Abschluss der Analysen und Schlaglichter bilden Dialoge mit Akteur*innen aus unterschiedlichen Subkulturen. Zum Thema Kunst und Kulturbetrieb sprechen Laura Cazés (Autorin, Jewish Women Empowerment Summit) und Leon Kahane (Künstler, Amadeu Antonio Stiftung) unter anderem über die Documenta in Kassel als Beispiel dafür, wie Antisemitismus in der Kunst und Kulturszene öffentlich verhandelt wird. Sie heben hervor, wie schnell eine Dethematisierung stattfindet, wenn statt über Antisemitismus nur noch über Kunstfreiheit gesprochen wird und dass ein rassismuskritischer Blick, wie ihn die Organisation der Documenta explizit vertreten wollte, Antisemitismus nicht verhindert.

Hengameh Yaghoobifarah (Autor*in, Missy Magazine) und Rosa Jellinek (Keshet Deutschland) problematisieren in dem Beitrag zu Pinkwashing, Homonationalismus und queerem Antisemitismus die in der Szene verbreitete Subsumtion von Antisemitismus unter Rassismus, durch die Antisemitismus verkannt wird. Stark sei außerdem das „Gefühl von Widerstand gegen die deutsche Dominanzgesellschaft (…) auf der Seite der Unterdrückten“ (S. 206), wenn bürgerliche und staatstragende Lippenbekenntnisse gegen Antisemitismus als Legitimation für rassistischen Politiken herhalten sollen. Das Zusammenbringen der Kämpfe wird dadurch erschwert und daraus folgt eine Einsamkeit von antisemitismuskritischen und jüdischen Personen in linken Bündnissen. Dabei wäre eine Verbindung von linken Kämpfen gegen Rassismus und Antisemitismus notwendig, gerade auch, um Vereinnahmungen ob von Rechten oder der bürgerlichen Mitte erfolgreich bekämpfen zu können.

Die Autor*innen und Dialogpartner*innen des Sammelbandes „Judenhass Underground“ zeigen in ihren Beiträgen, wie wichtig Räume für kritisches Hinterfragen der eigenen Bewegungen sind und wie die identitätspolitische Erhebung des Sprechortes basierend auf gesellschaftlicher Marginalisierung über Argumente zu einer Vereinseitigung und Verkürzung der Debatten führt. Die dargestellte Widersprüchlichkeit in Bezug auf den Antisemitismus emanzipatorischer Bewegungen ruht auch in dem im theoretischen Teil des Bandes dargestellten antisemitischen Weltbild, welches Jüdinnen*Juden eben nicht als Unterdrückte, sondern als das übermächtige Böse imaginiert. Dass dieses Buch so breit rezipiert und diskutiert wurde, liegt sicher in der Aktualität des Wiedererstarkens von linkem Antisemitismus. Im Angesicht des derzeitigen Krieges in Israel und Palästina nach dem Massaker der Hamas am 07.10.2023 ist zum einen international ein erstarkender antiisraelischer Antisemitismus zu beobachten, zum anderen werden antisemitisch agierende Akteur*innen wie BDS und insbesondere sich als linksradikal verstehende Gruppen wie Young Struggle in ihrem Unterwandern von Bewegungen sichtbarer. In dieser Situation scheint die kritische Selbstreflektion des Sammelbandes als Hoffnungsschimmer, statt Entsolidarisierung progressive Antworten zu finden, die Konsequenz im Umgang mit Antisemitismus zeigen.

Isabelle Schmitt ist Politikwissenschaftlerin und befasst sich mit Autoritarismus, Antisemitismus und Geschlechterverhältnissen.

Kategorien: Schwerpunkt

Isabelle Schmitt ist Politikwissenschaftlerin und befasst sich mit Autoritarismus, Antisemitismus und Geschlechterverhältnissen.

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