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Rezension: „Plantage Dachau“

Von Redaktion

„Plantage Dachau“ war ein Arbeitskommando des KZ Dachau: Die SS zwang Gefangene hier zur Landarbeit und ermordete viele von ihnen, Stichwort: Vernichtung durch Arbeit. Heute gibt es – ebenfalls unter dem Namen „Plantage Dachau“ – ein interdisziplinäres Rechercheprojekt, das seine Rechercheergebnisse zu ebendiesem Arbeitskommando sowie zum geschichtlichen und ideologischen Kontext auf seiner Website https://plantage-dachau.de/ in Form eines virtuellen Rundgangs der Öffentlichkeit zugänglich macht.
Die virtuelle Tour ist in verschiedene Stationen unterteilt, die sich jeweils einem thematischen Teilgebiet widmen. So erfährt man etwa, dass die Nazis unter anderem in Bezug auf die Versorgung mit Gewürz- und Heilpflanzen autark werden wollten, und auch, dass Zwangsarbeit von Anfang an Teil der Planung der Plantage Dachau war. Die Gefangenen mussten schwere körperliche Arbeit verrichten, erhielten jedoch zu wenig Nahrung, um zu überleben. Von den sie umgebenden essbaren Pflanzen zu essen, wurde ihnen dabei unter Androhung der Todesstrafe verboten.
Da das Areal fortlaufend vergrößert wurde, gab es statt eines Zaunes eine sogenannte Postenkette, bestehend aus mobilen, der Überwachung dienenden Türmen und bewaffneten SS-Männern. Beim Übertreten der Grenze drohte den Gefangenen der Tod durch Erschießen. Dies wurde für perfide Morde genutzt: Kopfbedeckung oder Arbeitsgerät der Gefangenen wurde hinter die Postenkette geworfen. Wer sich auf den Weg machte, um seine Ausrüstung zurückzuholen, wurde erschossen. Wer sich nicht auf diesen tödlichen Weg begab, wurde verprügelt, bis er es tat.
Die Recherche beleuchtet neben der grausamen Realität des Alltags auf der Plantage Dachau auch weitere Aspekte. So ist auch der Beitrag „Ein Garten der Vernichtung“ von Jan Theurich Teil des Online-Rundgangs. Indem der Autor erläutert, was der nationalsozialistische Begriff der „Landschaftspflege“ umfasste, und wie etwa laut den von Himmler erlassenen „Landschaftsregeln“ mit den eingenommenen Gebieten im Osten umgegangen werden sollte, wird für Leser*innen verständlicher, wie der Terror des NS-Regimes auch in vermeintlich banalen Bereichen wie der Landschaftsarchitektur Wirkung entfaltete. Theurich betont die Relevanz der Auseinandersetzung mit den von ihm behandelten Themen insbesondere vor dem Hintergrund des „Erstarken[s] völkischer Ökologie- und Siedlungsbewegungen in ganz Deutschland […]“. Zudem plädiert er dafür, regressiven Tendenzen in Naturschutz- und Umweltbewegungen Aufmerksamkeit zu widmen. Auch der Text „Naturschutz ist Heimatschutz!?“ der Initiative „Kritische Nachhaltigkeit in Theorie und Praxis“ ist Teil des Rundgangs.
Teile der NS-Führung interessierten sich insbesondere für die sogenannte „biologisch-dynamische Wirtschaftsweise“. Diese landwirtschaftliche Anbauweise basiert auf Vorträgen des Esoterikers, Hellsehers und Anthroposophen Rudolph Steiner. Am bekanntesten dürfte in Deutschland heute der Anbauverband Demeter sein, dessen „biodynamisch“ produzierten Produkte längst nicht mehr nur in Bioläden, sondern inzwischen auch in vielen Supermärkten zu finden sind. Auf der Plantage Dachau wurde auch „Forschung“ zur sogenannten biologisch-dynamischen Anbauweise betrieben. Auch wenn diese unter den Nazis nicht unumstritten war, war sie dennoch kein völlig abseitiges Randphänomen, sondern wurde beispielsweise von Heinrich Himmler – dass dieser auch Diplom-Landwirt war, dürfte ein bisher eher weniger bekanntes Detail sein – unterstützt. So wurde ab 1940 auf Himmlers Anweisung hin entsprechend den „biodynamischen“ Vorgaben kein Kunstdünger mehr auf der Plantage verwendet. Im selben Jahr wurde die Anwendung der „biologisch-dynamische Wirtschaftsweise“ auf der Plantage vorgeschrieben.
Wer sich für die genaueren Zusammenhänge vor Ort, die Produktions- sowie Forschungsbestrebungen sowie für die ideologischen Kontinuitäten, aber auch für Widersprüche zwischen den Ideologien interessiert, wird im Onlinerundgang fündig werden. Außerdem kann man erfahren, wie mit einem der Zivilbevölkerung zugänglichen Laden am Rand der Plantage eine Art Direktvermarktungskonzept umgesetzt wurde, und was dies für die dort arbeitenden Gefangenen sowie für die dort Einkaufenden bedeutete. Auch Informationen über Schmuggel, Widerstand und einen Aufstand am Tag vor der Befreiung des Lagers, sowie Informationen über die Zeit nach 1945 sind Teil des Rundgangs.
Das Arbeitskommando wurde sowohl von den Nazis als auch von den Gefangenen „Plantage“ genannt. Die der SS zugehörige Betreiberin der Plantage, eine GmbH mit dem Namen „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung“, verwendete den euphemistischen Begriff „Kräutergarten“. Dieser Name wurde bzw. wird indes auch nach 1945 weiterhin verwendet: Eine lokale Straße sowie ein Spielplatz und eine Bushaltestelle tragen ihn im Jahr 2024 noch immer.
Der auf Deutsch und auf Englisch verfügbare Onlinerundgang zur Plantage Dachau macht die umfangreichen Rechercheergebnisse zu diesem bisher leider noch zu wenig beachteten Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Nicht nur Menschen, die sich für Ökologie und Umweltaktivismus interessieren, ist die Lektüre sehr zu empfehlen. Abschließend bleibt zu hoffen, dass zusätzlich zur Website möglichst bald eine würdige Gedenkstätte vor Ort etabliert werden kann, statt die noch existierenden baulichen Überreste weiter fast unkommentiert dem Verfall und damit auch dem Vergessen zu überlassen.

Zur Website von Plantage Dachau

Kategorien: Sasu

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