Unter dem Titel „Vom Frühling und von der Einsamkeit“ erschien 2023 eine Sammlung von Gerichtsreportagen der Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Tergit. Sie wurde 1894 als Elise Hirschmann in Berlin geboren, der Name Gabriele Tergit ist ein Pseudonym. Tergit kam aus einer bürgerlichen Familie, aber wuchs im damaligen Arbeiter*innenviertel Friedrichshain auf. Gerichtsreporterin wurde sie, wie sie in ihrer Autobiografie berichtet, eher zufällig. In der Nacht vor der Reichstagswahl im März 1933 entging sie nur knapp einem Überfall der SA und floh am nächsten Tag über die Tschechoslowakei nach Jerusalem und später nach London. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1982.
Die meisten der Gerichtsreportagen wurden in den Jahren von 1924-1933 in verschiedenen Berliner Zeitungen abgedruckt, erst im Berliner Börsen Courier, die meisten im Berliner Tageblatt, wo Tergit auch ab 1925 angestellt war (S. 315 f.), aber auch einige in der linken Weltbühne. Im Laufe der Jahre veröffentlichte sie über 400 dieser oft kurzen Texte, von denen die Herausgeberin Nicole Henneberg, die auch das Nachwort verfasst hat, etwa 100 für die Sammlung ausgewählt hat. Tergit berichtete fast ausschließlich von Verhandlungen vor dem Kriminalgericht Moabit. Die Reportagen aus den Gerichten geben Einblicke in das Berlin der Weimarer Republik.
Der Großteil der Texte berichtet nicht von spektakulären oder absurden Fällen, sondern von alltäglicher Kleinkriminalität. Damals wie heute stehen vor allem arme Menschen wegen kleiner Diebstähle und Betrügereien vor Gericht. Dabei erzählt Tergit immer die Geschichte hinter dem Fall inklusive all der Verwicklungen und Schicksalsschläge, die am Ende zur Anklage führten. Immer wieder benennt sie auch die Umstände, die die Angeklagten dazu bringen, Entscheidungen zu treffen.
In vielen der Reportagen geht es um Geschlechterverhältnisse, die sehr deutlich gemacht werden. Das zeigt sich etwa, wenn sie unter dem Titel „Hexenverbrennung“ einen Fall schildert, in dem der Vater eines unehelichen Kindes keinen Unterhalt zahlte und wegen Beleidigung von Mutter und Kind angeklagt war. Am Ende wurde das Strafverfahren unter der Bedingung eingestellt, dass der Vater Unterhalt zahle. Tergit ergreift klar Partei für die Mutter, macht deutlich, dass die gesellschaftliche Verurteilung unehelicher Mutterschaft (und das Patriarchat) das Problem sind. (138 f.) – auch in den vielen Berichten über Verfahren wegen Abtreibungen.
Andere Reportagen zeigen, wie die politische Stimmung im Berlin der 1920er Jahre sich auch im Gerichtssaal spiegelt. Die Texte sind chronologisch sortiert und es geht später in immer mehr Fällen um politische Gewalt. Schlägereien zwischen Nazis und Kommunisten bewertet Tergit zunächst noch als „Ungebühr feuchtohriger Knaben“ (S. 56), später findet sie deutlichere Worte, auch für die im August 1932 durch Notverordnung eingerichteten Sondergerichte.
Die beiden letzten Reportagen behandeln den Prozess gegen Veit Harlan, den Regisseur des nationalsozialistischen Propagandafilms „Jud Süß“, der im Jahr 1949 wegen Beihilfe zur Verfolgung in Hamburg vor Gericht stand und zu Tergits Empörung freigesprochen wurde.
Schließlich sind einige der Reportagen vor allem unterhaltsam und für ein sensationslustiges Publikum geschrieben: es geht um Hochstapler*innen, Doppelgänger*innen, und Nachbarschaftsstreitigkeiten, die mit Anklagen wegen Beleidigung endeten.
Tergit beobachtet dabei sehr genau und beschreibt Justiz und Bürokratie immer mit einer gewissen ironischen Distanz. Was ihre Verallgemeinerungen und Analysen angeht, lässt sich Einiges sicher anders sehen, aus heutiger Perspektive ohnehin. Dass sollte aber nicht davon abhalten, sich auf die Lektüre einzulassen!
Gabriele Tergit
Vom Frühling und von der Einsamkeit. Reportagen aus den Gerichten
14,00 €