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Der Wolf beißt um sich

Von Civan Akbulut

Der türkische Ultranationalismus hat es in den deutschen Diskurs geschafft. Während es lange Zeit nahezu nur von Betroffenen und Expert*innen diskutiert wurde, erreicht das Thema mittlerweile immer mehr Leute. Was hat es damit auf sich?

Viel wurde im Rahmen der Europameisterschaft über das Thema gesprochen. Als beim Fußballspiel Türkei – Österreich der türkische Nationalspieler Merih Demiral den sogenannten „Wolfsgruß“ zeigte, sorgte dies für viel Kritik. Der Wolfsgruß ist das zentrale Erkennungsmerkmal der ultranationalistischen Grauen Wölfe-Bewegung und wird von ihren Anhängern als Bekenntnis verwendet. Nicht lange muss man suchen, um auf Bilder zu stoßen, bei denen diese Geste in Verbindung mit schweren Straftaten wie Mord zu sehen ist. Bei diesem „Wolfsgruß“ werden die Finger so geformt, dass sie einer Wolfsschnauze ähneln, wobei der kleine Finger und Zeigefinger gespreizt sind. Diese Geste symbolisiert die Gewaltbereitschaft und die rassenideologische Überzeugung der Grauen Wölfe, die antidemokratische und gewaltverherrlichende Thesen vertreten und das türkische Volk in einer Weise überhöhen, die Parallelen zum Nationalsozialismus und Mussolini-Faschismus ziehen lassen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil einer ihrer Gründungsfiguren, Alparslan Türkeş, ein überzeugter Hitler-Fan war. Das auserkorene Ziel ist „Turan“, ein vereintes Großreich der turksprachigen Völker, das je nach Lesart unterschiedlich weit gefasst ist, aber im Grunde vom Balkan bis nach China reichen soll. Dieser eskalativen Absicht, die sich auch in der aggressiven türkischen Außenpolitik widerspiegelt, verleihen sie mit ihren Verschwörungserzählungen, die vor Antisemitismus nur so triefen, den letzten Schliff einer menschenverachtenden Ideologie, die ihren europäischen Vorbildern inhaltlich in wenig nachsteht. Ihre Anhänger*innen gehen extrem gewalttätig vor, insbesondere gegen Minderheiten und Oppositionelle.

Demirals Wolfsgruß, den er später auf einer Pressekonferenz als Ausdruck von Stolz relativierte1, brachte endlich die längst notwendige Diskussion über ein Thema in Gang, das so viele Lebensrealitäten betrifft, aber viel zu lange heruntergespielt wurde. Neu ist das Thema in Deutschland ohnehin nicht: So trug bereits der ehemalige CSU-Vorsitzende und bayrische Ministerpräsident Franz Joseph Strauß erheblich zur Etablierung dieser Bewegung hierzulande bei. Mit dem Zuzug türkeistämmiger Gastarbeiter*innen im Rahmen des Anwerbeabkommens kamen Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen nach Deutschland. Darunter befanden sich auch viele Linke, die sich gewerkschaftlich engagierten. Inmitten des Kalten Krieges musste daher eine Gegenbewegung her, um den wachsenden links dominierten Bewegungen türkeistämmiger Menschen etwas entgegenzuwirken. Strauß half Türkeş in der Bemühung, den vermeintlichen Einfluss des sowjetischen Kommunismus unter den Gastarbeiter*innen zu unterbinden, beim Aufbau der Grauen-Wölfe-Strukturen in Deutschland.2 Diese Entwicklung ist bis heute spürbar, da die Grauen Wölfe heute hierzulande so mobilisierungsstark sind wie nie zuvor. Eine ernsthafte Aufarbeitung dieser folgenschweren antikommunistischen Kumpanei gab es nie, stattdessen gibt es vonseiten der Politik stets leere Worthülsen und wenig Substantielles.

Im Jahr 2020 kam es zu einem Novum in der Konfrontation zwischen Deutschland und der Türkei. Die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und den Grünen beschlossen den Antrag „Nationalismus und Rassismus die Stirn bieten – Einfluss der Ülkücü-Bewegung zurückdrängen“, wodurch Organisationsverbote der Grauen Wölfe-Bewegung geprüft werden sollten.3 Eine logische Konsequenz der gefährlichen Praktiken dieser Bewegung, wäre da nicht das darauffolgende Verschleppen dieser Angelegenheit. Vier Jahre sind mittlerweile vergangen und es gibt keinerlei Fortschritte in dieser Sache. Dies ist rücksichtslos gegenüber denen, die tatsächlich unter dieser Bedrohung leiden und sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. Denn die Bewegung schreckt nicht vor Bedrohungen und Gewaltakten, bis hin zu Mord zurück.4 Es gibt eine Fülle von Beweisen, die die problematischen Aktivitäten der Grauen Wölfe detailliert dokumentieren und ausreichend Material für ein handfestes Verbot liefern.5 Die Grauen Wölfe propagieren offen ihre ultranationalistische und rassistische Ideologie, die das friedliche Zusammenleben in Deutschland bedroht. Aus ihrem Hass machen sie keinen Hehl – ganz im Gegenteil. Leidtragende des verschleppten Handelns durch das Innenministerium sind Kurd*innen, Armenier*innen, Griech*innen, Alevit*innen, queere Menschen und viele weitere.6

Täter-Opfer-Umkehr

Wenn auch in der Debatte mehrheitlich vertreten wird, dass der Wolfsgruß samt Bewegung abzulehnen ist, so gibt es dennoch Stimmen in Deutschland, die hier vermeintlich differenzieren wollen. Wehe denen, die pauschalisieren – oder so. Im Rahmen der Europameisterschaft war wieder zu lesen, dass der Wolfsgruß angeblich gar nicht so problematisch sei, sondern als Teil der türkischen Kultur, als Symbol der türkischen Identität und zur Förderung der Gemeinschaft verstanden werden könne. Auch die Personen, die dieses ultranationalistische Handzeichen machten, wurden zu Opfern einer Hetzkampagne stilisiert. Mehr hätte man dieser ultranationalistischen Bewegung nicht in die Karten spielen können. Als würde der Schutz von Betroffenen nicht mehr zählen als eine ausgelassene Fußballstimmung, als wäre der Fußball jemals unpolitisch gewesen. Die türkische Regierung zeigte sich ebenso erzürnt über die Kritik zum Wolfsgruß und bestellte den deutschen Botschafter ein. Zurück bleibt ein hochaktuelles Thema, das statt Symptombehandlung endlich einer Lösung bedarf. In Frankreich sind die Grauen Wölfe inzwischen verboten, in Österreich dürfen sie immerhin ihre Symbole nicht mehr zeigen. Doch davon scheinen wir hierzulande leider weit entfernt. Schließlich wäre jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema gleichzeitig auch eine Konfrontation mit der Türkei, davon möchte Deutschland nichts wissen.

Wer Faschismus propagiert, gefährdet unsere Demokratie und das friedliche Miteinander. Erst in diesem Jahr machten türkische Ultranationalisten in Belgien pogromartig Jagd auf Kurd*innen und setzten beinahe das Haus einer kurdischen Familie in Brand. Mehrere Menschen wurden schwer verletzt, in Videos zeigten die Angreifer den Wolfsgruß.7 Eine Eskalation mitten in Europa, wie ich es in meinem gesamten Leben selten erlebt habe. Diese Tage waren gezeichnet von Sorge und Vorsicht, denn den Kurd*innen trachtete man wieder offen nach ihrem Leben.

Wo das Kurdischsein Grund genug für Gewalt ist, ist keine kurdische Person mehr sicher. Und wer dies bis heute nicht versteht, der sollte in Zukunft auch auf einen Nachruf verzichten.

Und nun?

Die Graue Wölfe-Bewegung ist die zweitgrößte ultranationalistische Bewegung in der Bundesrepublik. Nirgendwo sonst außerhalb der Türkei sind sie so aktiv, verwurzelt und mobilisierungsstark. Sie haben hierzulande eine lange Historie und prägten vielerorts das Leben zahlreicher Menschen. Ihre Strukturen sind pfiffig; so gibt es Kulturzentren, Freizeitangebote, Moscheen und vieles mehr. Sie sind eine etablierte Bewegung hierzulande und benehmen sich auch so.

Es ist wichtig zu verstehen, dass relativierende Debatten ein wahrer Segen für die Grauen Wölfe sind. Daher ist es wichtig, wie wir als Gesellschaft mit dieser Herausforderung umgehen. Überlassen wir ihnen die Deutungshoheit, stilisieren sie gar als unschuldig, oder nennen wir das Übel beim Namen und positionieren uns weise? Denn faschistische Bewegungen leben von den Skandalen, können aber auch mit ausreichendem gesellschaftlichem Druck fallen. Deshalb bemühen sie sich um jeden Preis darum, die richtigen Narrative in ihrem Sinne zu setzen. Das Intended Outcome liegt dabei in der Mobilisierung neuer Anhänger*innen, insbesondere junger Menschen, von denen sie sich erhoffen, diese langfristig für ihre Bewegung zu gewinnen. Man setzt gezielt in der Adoleszenz an, um möglichst stark auf die Identitätsbildung einzuwirken.89 Das Selbstbild wird dabei durch Abgrenzung von Feindbildern, die eine große Rolle in dieser Ideologie spielen, definiert. Die Frage um ein Verbot der Grauen Wölfe-Bewegung ist also auch eng gekoppelt damit, welche Weltanschauungen wir unseren Kindern zumuten wollen. Auch im Hinblick auf den derzeitig zunehmenden Rechtsruck sollten ultranationalistische Bewegungen gewiss nicht dazu gehören.

Deshalb stehen wir in der Verantwortung, immer dann, wenn die tonangebende Politik sich duckt, noch lauter zu werden. Als Zivilgesellschaft und insbesondere progressive Bewegungen müssen wir umso entschlossener in unseren Forderungen und dem praktischen Handeln werden, nicht nur, aber vor allem dann, wenn die Politik bei einem so relevanten Thema untätig bleibt.

Solidarisch sein mit den Betroffenen und sich vehement gegen Hass und Rassismus zu stellen, ganz gleich aus welcher Richtung er schallt – Das ist unsere demokratische Pflicht.

Civan Akbulut (24), Medizinstudent, Mitglied im Integrationsrat Essen, Ko-Vorsitzender des Kurdischen Studierendennetzwerks (KSN), Vorsitzender der Informationsstelle Antikurdischer Rassismus – IAKR. Er recherchiert seit vielen Jahren zu türkischem Ultranationalismus und Islamismus in Deutschland.

Weiterführende Literatur: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.), Doppelt unsichtbar. Innermigrantischer Rassismus in Deutschland und die organisierte türkische Rechte, 2024, https://t1p.de/bdxsp.

1 Türkei bestellt deutschen Botschafter ein, tagesschau.de v. 03.07.2024, https://t1p.de/l3yu4 (Stand aller Links: 23.01.2025).

2 Dann kommt alles ins Rollen, DER SPIEGEL v. 24.02.1980, https://t1p.de/eji8f.

3 bundestag.de v. 18.11.2024, https://t1p.de/nhejo.

4 Marcus Giebel / Alicia Greil, Kleinwüchsiger Mann in Dortmund totgetreten: Tatverdächtiger gefasst – spielten politische Motive eine Rolle?, tz.de v. 20. 05.2020, https://t1p.de/93g6f.

5 Chronologie der Grauen Wölfe in Deutschland, perspektifa.de v. 17.01.2022, https://t1p.de/chup1.

6 Lorenz Blumenthaler, Die unterschätzte Gefahr der “Grauen Wölfe”, Amadeu Antonio Stiftung v. 03.07.2024, https://t1p.de/i6dcw.

7 Büşra Delikaya, Mehrere Verletzte: Türkische Nationalisten in Belgien greifen kurdische Familien an, tagesspiegel.de v. 26.03.2024, https://t1p.de/xkjrv.

8 Oliver Kühn, Wolfsgruß bei Duisburger Jugend: Das sagen Türkei-Experten, waz.de v.05.07.2024, https://t1p.de/r9kav.

9 „Die Grauen Wölfe haben die EM gewonnen“, rbb24.de v.12.07.2024, https://t1p.de/vu9xv.

Kategorien: Schwerpunkt

Civan Akbulut (24), Medizinstudent, Mitglied im Integrationsrat Essen, Ko-Vorsitzender des Kurdischen Studierendennetzwerks (KSN), Vorsitzender der Informationsstelle Antikurdischer Rassismus – IAKR. Er recherchiert seit vielen Jahren zu türkischem Ultranationalismus und Islamismus in Deutschland.

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