In einer Welt, in der das Gesetz zum Instrument gekränkter Männlichkeit wird, entfaltet sich Anna Herzigs „12 Grad unter Null“ als literarischer Rundumschlag rund um Recht, Macht und Geschlecht. Die Autorin erschafft mit Sandburg einen fiktiven Staat, in dem das Jahr 2024 eine fundamentale Wendung im rechtlichen und gesellschaftlichen Diskurs markiert: das sogenannte „Weitmannschuldengesetz“ oder auch „Frauenschuldengesetz“ wird eingeführt. Benannt nach seinem Initiator Weitmann, einem „gekränkten, wütenden Mann, der Anstoß gab, alles zu ändern” (17), manifestiert es eine neue und gleichzeitig allbekannte Dimension institutionalisierter Ungleichheit. In dieser dystopischen Vision ändert sich für die Realität von Frauen alles.
Das Gesetz ermöglicht es volljährigen Männern, von Frauen rückwirkend bis zu sieben Jahre lang finanzielle Rückzahlungen ohne Obergrenze für in Beziehungen „investierte“ Gelder zu fordern. Einmal nicht gezahlt, wird ihr Name auf eine öffentliche „Frauenschuldenliste“ gesetzt, was ihnen weitreichende soziale und rechtliche Konsequenzen beschert. Sie verlieren damit insbesondere die Möglichkeit, Verträge abzuschließen, Bankkonten zu eröffnen, die Ehe zu schließen oder die Scheidung einzureichen. Herzig zeichnet damit ein beklemmendes Bild der totalen rechtlichen Entmündigung von Frauen und treibt damit eine Form patriarchaler Unterdrückung auf die Spitze.
Eingebettet ist dieses Szenario ist das Leben von zwei Schwestern, Elise („die Große“) und Greta („die Kleine“). Im Laufe des Buches begleiten wir sie nicht nur in ihrer Gegenwart nach Inkrafttreten des Frauenschuldengesetz, sondern auch in ihrer „Schwesternkindheit“. Bei Zweiterem steht auch das Leben der Mutter und die Beziehungen zu den Familienmitgliedern im Fokus. Durch diese Schilderungen zeigt Herzig unterschiedliche Formen patriarchaler Unterdrückung auf. Physische und psychische Gewalt ist in der Familie allgegenwärtig. Beides wird stark thematisiert und auch geschildert – jedoch nicht allzu ausdrücklich. Die Manipulation und Kontrolle, die die weiblichen Figuren erleben, endet in dieser Welt nie. Präsent ist vor allem: das Private ist politisch. Genau um den Eingriff ins Private geht es doch!
Herzigs Werk ist eine verdichtete Reflexion über strukturelle Gewalt, Kontrolle und patriarchaler, misogyner, antifeministischer Ideologie, durchgesetzt mit dem Mittel des Rechts. Sie zeigt an diesem Beispiel auf, wie leicht rechtliche Mittel für tiefgreifende Eingriffe in die gesellschaftliche Ordnung genutzt werden können. Sowie, wie sie dazu genutzt werden können, bestehende Machtverhältnisse nicht nur zu erhalten, sondern aktiv zu festigen. Das Recht, das in modernen Demokratien oft als Garant für Gerechtigkeit betrachtet wird, wird von Herzig klar zur Schau gestellt als das, was es ist: ein Machtinstrument. Es wird genutzt, um Kontrolle auszuüben, um Menschen systematisch zu unterdrücken. Zudem thematisiert sie im Kontext der politischen Lage in Sandburg auch die Grundlagen der Demokratie und stellt heraus, wie essenziell eine unabhängige, unbeeinflusste Politik ist. In einem Staat, in dem nur das Geld zählt und Vetternwirtschaft betrieben wird, was schützt uns da eigentlich?
Herzigs literarischer Stil ist dabei außergewöhnlich und kaum greifbar, ebenso kraftvoll wie komplex. Auf nur 144 Seiten findet sich eine literarische Collage aus Prosa und Poesie, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, zwischen Realität und Dystopie. Den Roman zeichnet zudem aus, dass er die Leser*in nicht mit einfachen Antworten versorgt und kein Verständnis erzwingt. Es gibt viel zu interpretieren und erfordert Arbeit. Herzig lässt keinen Raum für Passivität und fordert dazu heraus, selbst zu denken und die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Mechanismen zu hinterfragen. „12 Grad unter Null“ ist zugleich ein literarisch anspruchsvolles Schreien und Flüstern über ein dystopisches Gedankenspiel zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Keine vom Patriarchat unterdrückte Person fragt sich dabei, ob so etwas in unserer Realität möglich wäre.
Der Roman „12 Grad unter Null“ von Anna Herzig erschien 2023 im Haymon Verlag. Die 144 Seiten in gebundener Fassung kosten 19,90€.