Die Etablierung der gleichgeschlechtlichen Ehe wird häufig als bedeutender Schritt hin zur Gleichstellung queeren Lebens gedeutet. Tatsächlich bedeutet diese jedoch lediglich eine Überführung queerer Personen in traditionalistische Lebensweisen. Dadurch werden heteronormativ-kapitalistische Strukturen verfestigt.
Queere Menschen leben häufig unter prekären Bedingungen. Dies zeigt sich auf verschiedenen Ebenen. Nicht zu vernachlässigen sind dabei Diskriminierung und Ausschluss auf dem Arbeitsmarkt. So werden vielen queer gelesenen Menschen immer noch die Zugänge zu bestimmten Berufen verwehrt. Aufgrund der Diskriminierung queerer Identitäten ist es daher kein Zufall, dass Sexarbeit für einen großen Teil der trans Frauen weltweit eine wichtige, teilweise sogar die einzig mögliche Berufsperspektive darstellt.1 Dazu kommt, dass queere Menschen sich häufig nicht auf den Rückhalt ihrer Herkunftsfamilien verlassen können. Sie fallen in vielen Fällen früh aus traditionellen Sorgezusammenhängen und sind auf sich allein gestellt.2 Bereits ab den 1950er Jahren haben queere Aktivist*innen versucht, dem etwas entgegenzusetzen. Die verschiedenen Bewegungen, innerhalb derer dies stattfand und auch immer noch stattfindet, unterscheiden sich stark bezüglich ihrer Radikalität.3 Vor allem in den frühen Bewegungen, die insbesondere auf die Rechte Homosexueller zielten, wie der „Homophilen Bewegung” der 1950er, 1960er und der „Gay Liberation” in den 1970er Jahren, gab es sowohl Strömungen, die um eine Assimilation bemüht waren, als auch solche, die Konfrontation als ihr Mittel der Wahl sahen.4 Gemeinsam waren diesen Bewegungen jedoch ihre Forderungen in Bezug auf das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit bzw. privater Sexualität. So forderten sie gleichsam einen Rückzug staatlicher Kontrolle aus der individuellen Sexualität. Dies meint im Konkreten die Abschaffung des Verbotes und der damit verbundenen Verfolgung von Homosexualität. Gleichzeitig sollte schwul-lesbisches Leben sowohl sichtbar, als auch institutionalisiert werden.5 In diesem Kontext wurden eine Vielzahl an Unterstützungs- und Community-Strukturen angestrebt.
Politisch durchsetzen konnte sich die gleichgeschlechtliche Ehe. Diese wurde in den letzten Jahren in immer mehr Ländern, insbesondere in westlichen Industrienationen eingeführt. Auch in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ist die sog. „Ehe für alle“ seit 2017 möglich. In Bezug auf Sorgezusammenhänge außerhalb der traditionellen Ehe bzw. Kleinfamilie, auch „Chosen Families” genannt, zeigen sich ebenfalls zunehmend staatliche Bestrebungen der Institutionalisierung. Ein Gesetz, das Verantwortungsgemeinschaften von bis zu sechs Personen rechtlich absichern sollte, wurde von der Ampel-Regierung geplant, konnte jedoch auf Grund des vorzeitigen Endes der Koalition nicht mehr umgesetzt werden.6 Diese Entwicklungen zeigen, dass queeren Personen weitaus mehr Rechte zustehen, als dies noch vor 50 Jahren der Fall war. Dass sowohl die „Ehe für Alle” als auch die Verantwortungsgemeinschaft staatlich gefördert werden, ist jedoch keineswegs zufällig. Vielmehr ist dies eng mit den patriarchal-kapitalistischen Logiken des neoliberalen Systems verknüpft. Um zu verstehen, warum dies so ist, ist es zunächst sinnvoll, die Organisation von traditionellen Familienkonstellationen in westlichen Industrienationen zu betrachten.
„Das Private ist Politisch!”
Seit den 1970er Jahren begannen (marxistische) Feminist*innen im Rahmen der zweiten feministischen Welle, das Geschlechterverhältnis innerhalb der traditionellen Kleinfamilie, welche immer noch das vorherrschende Sorgemodell innerhalb unserer Gesellschaft darstellt, zu kritisieren. Kernpunkt der Kritik war das gesellschaftlich dominierende Verständnis von „Privat” und „Öffentlich”.7 In diesem wird die Familie als das „Private” imaginiert, das sich in einem vermeintlich vorpolitischen Rahmen bewegt, der nicht durch gesellschaftliche Strukturen bedingt ist, während in der Sphäre des Öffentlichen das politische Leben, welches sowohl Lohnarbeit als auch demokratische Prozesse umfasst, angesiedelt ist. Wichtig ist hierbei, dass es im traditionellen Verständnis die Frau ist, welche im vermeintlich Privaten unentgeltlich den Großteil der Reproduktionsarbeit wie Haushalt und Kindererziehung trägt, während der Mann als Familienernährer am öffentlichen Leben teilnimmt.8 Dadurch entsteht eine finanzielle Abhängigkeit der Frau und eine Abwertung ihrer Tätigkeiten. Dieses Familienmodell wird auch als „heteronormativ” bezeichnet.9 Durch eine Kennzeichnung als Privates wird der strukturelle Charakter des Systems aberkannt. Dadurch entsteht eine Vereinzelung der Frauen in ihrem Abhängigkeitsverhältnis, da die sich daraus ergebenden Probleme als individuelle abgetan werden.10 Dank feministischer Kämpfe konnte das klassische Geschlechterverhältnis ein Stück weit aufgebrochen werden. So ist es heutzutage in westlichen Gesellschaften allgemein üblich, dass Frauen erwerbstätig sind. Trotzdem liegt in aller Regel der Großteil der Sorgearbeit immer noch in ihrer Verantwortung.11 Die Vorrangstellung der heteronormativen Kleinfamilie innerhalb des gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozesses konnte somit nicht aufgebrochen werden; sie bleibt ein tragendes Element der kapitalistischen patriarchalen Gesellschaft.
Das neue Normal
Diese Ausführungen machen deutlich, dass die heteronormative Ehe ein äußerst wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Nicht umsonst wird die Ehe auch als „Keimzelle des Staates“ bezeichnet. Mit der „Ehe für alle“ wurde eine Institution geschaffen, welche die heteronormative Kleinfamilie imitiert.12 Die Öffnung des Systems „Ehe“ für einen erweiterten Personenkreis sorgt somit nicht für eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse, sondern festigt diese. Die US-amerikanische Historikerin Lisa Duggan spricht daher im Zuge der Etablierung der gleichgeschlechtlichen Ehe von einer „Homonormativität“.13 Diese ist Duggan zufolge im Zuge der Ausweitung neoliberaler Politiken der 1990er Jahren entstanden. Vielmehr setzen Konservative sich sogar aktiv für diese ein. In Bezug auf die BRD zeigt sich das daran, dass ausgerechnet eine CDU-geführte Regierung die „Ehe für alle” eingeführt hat. Im Gegensatz zu den bereits erwähnten früheren Bewegungen wird sich im Zuge homonormativer Bestrebungen auf die Entfaltung des Individuums im Privaten zurückgezogen. Anstelle einer queeren Bewegung, die gemeinschaftlich für ihre Rechte und insbesondere auch für ihre Sichtbarkeit eintritt, geht es jetzt nur noch um die Erfüllung individueller Lebensentwürfe entlang heteronormativer Leitlinien.14 Durch diesen Rückzug ins vermeintlich Private entsteht, ähnlich wie in heteronormativen Partnerschaften in Bezug auf Frauen, eine Vereinzelung queerer Lebensrealitäten. Dadurch besteht für viele queere Personen kein Anlass mehr zur Rebellion, obwohl wie eingangs beschrieben nach wie vor längst nicht alle queere Personen in gesicherten Verhältnissen leben. Durch diese Entpolitisierung queeren Lebens sind Institutionen wie die gleichgeschlechtliche Ehe für das kapitalistisch-patriarchale System ungefährlich und tragen sogar zu dessen Stabilisierung bei.15 Dies geschieht insofern, als dass durch den Einbezug immer weiterer Gruppen in traditionalistische Lebensweisen ein immer kleiner Teil der Bevölkerung Anlass zum Widerstand sieht und gar keine Notwendigkeit besteht, Alternativen in Erwägung zu ziehen. Durch diesen Mangel an Alternativen wird auch die Institution der heterosexuellen Ehe gestärkt. Denn wenn für queere Menschen eine Alternative zur Ehe undenkbar ist, ist sie es für Heterosexuelle erst recht. Dadurch wird die gleichgeschlechtliche Ehe auch für konservative Kräfte anschlussfähig. Dieses Beispiel macht anschaulich, dass durchaus auch politische Entwicklungen, die auf den ersten Blick progressiv erscheinen, letzten Endes in erster Linie dem kapitalistisch-patriarchalen System dienen.
Weiterführende Texte:
- Lisa Duggan, The Twilight of Equality? Neoliberalism, Cultural Politics and the Attack on Democracy, 2003.
- Lisa Duggan, The new Homonormativity: The Sexual Politics of Neoliberalism, in: Russ Castronovo et al. (Hrsg.), Materializing Democrazy, Toward a Revitalized Culture Politics, 2002, 175-194.
1 Vgl. Johnny Pitt (Cohen) / Sophie Monk, ‘We build a wall around our sanctuaries’: Queerness and Precarity, Novara Media, 2016.
2 Vgl. Nora Gaupp / Claudia Krell, Lebenssituationen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen, unsere jugend 2020, 290 (295).
3 Vgl. Tanja Vogler, Das politische Subjekt des queeren Aktivismus, Diskurs- und Akteurskonstellationen queerer Politiken im deutschsprachigen Raum, 2022, 43.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. ebd., 43 f.
6 Vgl. Bundesministerium für Justiz, Mehr Verantwortung füreinander, rechtlich abgesichert, 2024. Abrufbar unter: https://www.bmj.de/DE/themen/gesellschaft_familie/ehe_nichteheliche_gemeinschaft/verantwortungsgemeinschaft/verantwortungsgemeinschaft_artikel.html (Stand: 11.01.2025).
7 Vgl. Gisela Riescher, „Das Private ist politisch”: Die politische Theorie und das Öffentliche und das Private, Freiburger Frauenstudien 2003, 59 (64).
8 Vgl. ebd., 59 (67 f.).
9 Vgl. Vogler (Fn. 3), 42.
10 Vgl. Riescher (Fn. 7), 67 f.
11 Karin Juczyk, Geschlechterverhältnisse in Familie und Erwerb: Widersprüchliche Modernisierungen, in: Sylvia M. Wilz (Hrsg.) Geschlechterdifferenzen — Geschlechterdifferenzierungen, 2008, 78.
12 Vgl. Vogler (Fn. 3), 44.
13 Lisa Duggan, 2003, 50.
14 Vgl. Lisa Duggan, 2002, 189.
15 Vgl. ebd.